Allergie
und Psyche
Wenn
bei Miezes Foto die Nase juckt
Stellen
Sie sich vor, es ist Frühsommer, ein sonniger, strahlender
Tag. Sie sind in der Natur unterwegs und machen
Picknickpause auf einer blühenden Wiese, mitten im hohen
Gras. Millionen von Gräserpollen wirbeln durch die Luft.
Sie atmen die Pollen ein, hunderttausende mit jedem Atemzug.
Die Pollen heften sich an ihre Nasenschleimhaut. Sie
gelangen tief in Ihre Lunge und dringen bis in die kleinsten
Atemwege vor ...
Natürlich
wird kein Therapeut einen Heuschnupfenpatienten mit diesen
Worten in Hypnose versetzen. Er täte ihm auch keinen
Gefallen damit. Denn Niesattacken, Luftnot und Augenjucken
lassen sich bei manchen Allergikern hervorrufen, ohne dass
die allergieauslösende Substanz in der Nähe ist, unter
anderem durch Suggestion, unter Hypnose oder durch ein Foto
– beim Katzenhaarallergiker zum Beispiel durch das Foto
einer Katze. “Der Allergiker weiß, dass er bei Katzen
immer niesen muss, er erwartet es geradezu. Irgendwann läuft
die allergische Reaktion dann reflexartig ab und er bekommt
Schnupfen, auch wenn er nur ein Foto sieht”, erklärt
Norbert K. Mülleneisen vom Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA). “Das entspricht einer klassischen
Konditionierung, einem unbewussten Lernvorgang.”
Die
Psyche als Kofaktor
Niesreiz
unter Hypnose oder beim Betrachten eines Fotos sind
interessante Phänomene – typisch für den
allergologischen Alltag sind sie allerdings nicht. Hier
machen sich psychische Einflüsse auf allergische
Erkrankungen meistens auf andere Weise bemerkbar: Sie können
die Beschwerden verstärken und begünstigen. Mülleneisen,
der als niedergelassener Allergologe in Leverkusen tätig
ist, spricht von Kofaktoren. “Wenn es einem
Pollenallergiker gut geht, macht ihm leichter Pollenflug oft
nichts aus. Aber wenn er Ärger hat oder seine Freundin ihn
gerade verlässt, dann reichen auch wenige Pollen in der
Luft, und die Nase läuft”, erläutert er. Oft spielen
Stress, Beziehungskonflikte, Depressionen und Ängste eine
Rolle beim Auftreten allergischer Symptome. Allergologen
gehen außerdem davon aus, dass bei etwa der Hälfte aller
Asthmaanfälle als mögliche Auslöser neben einer
allergischen Komponente, Infektionen und physikalischen
Reizen auch emotionale Faktoren beteiligt sind.
Neurotransmitter
wirken auf Abwehrzellen
“Ohne
Frage bestehen enge Beziehungen zwischen Nervensystem und
Immunsystem”, bestätigt auch Professor Harald Renz von
der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische
Immunologie (DGAI). “Sie wirken in beide Richtungen und
werden durch Neurotransmitter vermittelt.” Die Forschung
interessiert sich zurzeit besonders für die Gruppe der so
genannten Neurotrophine. Diese Neurotransmitter werden nicht
nur von Nervenzellen, sondern auch von Immunzellen gebildet,
und sie wirken auch auf beide Zellsysteme. Man weiß, dass
sie Zellen vor dem programmiertem Zelltod schützen, der so
genannten Apoptose. “Neurotrophine scheinen eine wichtige
Schnittstelle zwischen Nervensystem und Immunsystem zu
bilden. Sie werden bei allergischen Reaktionen überschießend
produziert und bleiben über Tage und Wochen hinweg
wirksam”, so Renz.
Keine
Allergiepersönlichkeiten
Kofaktor
ja, alleinige Ursache allergischer Erkrankungen nein. Trotz
aller Wechselwirkungen sind Allergien natürlich keine
psychischen Krankheiten. Sie beruhen in erster Linie auf
einer Fehlsteuerung des Immunsystems. Der Körper reagiert
dadurch auf harmlose Substanzen wie Pollen so, als seien es
Krankheitserreger – mit den bekannten Folgen. Der Versuch,
einen Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeits- und
Verhaltensmerkmalen und Allergien zu finden, blieb erfolglos
– spezielle “Allergiepersönlichkeiten” gibt es nicht.
Eine neuere Studie an der Klinik für Psychosomatik der
Uniklinik Mainz entlastet darüber hinaus die Eltern von
Kindern mit Neurodermitis: Weder die Einstellung der Mutter
zum Kind, die Rolle des Vaters in der Familie noch die
Qualität der Elternbeziehung scheint eine Rolle für das
Auftreten der Erkrankung im Kindesalter zu spielen. Leider
sind entsprechende Vorstellungen immer noch weit verbreitet.
Viele Eltern plagen sich deshalb mit unberechtigten
Schuldgefühlen. Das Beispiel der Neurodermitis gibt aber in
anderer Hinsicht einen Hinweis auf eine Verquickung von
Geist und Allergie: Bei Patienten mit starkem Juckreiz lässt
sich regelmäßig nachweisen, dass bestimmte Hirnregionen
besonders aktiviert sind. “So finden wir immer mehr
Puzzleteile. Bis wir alle Teile beisammen haben und das
komplexe Zusammenspiel von Psyche und Allergie wirklich
verstehen, wird aber noch einige Zeit vergehen”, blickt
Renz in die Zukunft.
Der
Allergologe stellt die Weichen
Allergien
sind also vielschichtige Erkrankungen. Die Therapie gehört
deshalb auf jeden Fall in die Hand eines Experten. Der
Allergologe kann durch exakte Diagnostik feststellen, ob
eine Allergie vorliegt und gegen welche Substanzen sie sich
richtet. Professor Thomas Fuchs, Präsident des ÄDA, nennt
als wirksamste Methoden gegen Allergien das Meiden der Auslöser,
antiallergische Medikamente (Antihistaminika) und eine
spezifische Immuntherapie (“Allergie-Impfung”) mit
standardisierten Allergen-Präparaten. Sie führt in über
90 Prozent der Fälle zu einer jahrelangen Besserung der
Beschwerden, oft sogar zu einer Heilung. Hat der Allergologe
den Verdacht, dass bei einem Patienten psychische Faktoren
große Bedeutung haben, wird er ihn gegebenenfalls auch
psychotherapeutisch behandeln lassen. Das gilt natürlich
auch dann, wenn starke seelische Belastungen nicht als eine
der Ursachen, sondern als Folge der Allergie auftreten. Denn
Erkrankungen wie allergischer Schnupfen, Neurodermitis oder
Asthma bronchiale können die Lebensqualität massiv beeinträchtigen
und psychische Probleme, zum Beispiel depressive
Verstimmungen, erst entstehen lassen. – Verbindungen
zwischen Psyche und Immunsystem bestehen in beide Richtungen
und sind keine Einbahnstraße.
Die
Allergie vergessen?
Aber
was sollen die Patienten machen, die tatsächlich schon beim
Anblick eines Fotos Beschwerden bekommen? Können sie diese
reflexartige Reaktion auch wieder verlernen? “Ja”, sagt
Mülleneisen. “Die effektive antiallergische Therapie ist
auch in diesen Fällen eine gute Möglichkeit. Sie muss
wirkungsvoll verhindern, dass Beschwerden auftreten, wenn
der Patient zum Beispiel Kontakt mit einer Katze hat. Dann
kann der Körper wieder vergessen, dass er auf Katzen immer
allergisch reagiert, denn er macht ja jetzt eine andere
Erfahrung. Die Praxis zeigt, dass eine Psychotherapie für
diese Patienten dadurch meist überflüssig ist.”