Berufswahl
von Allergiekranken
Vom
Traum zum Trauma
Immer
mehr Jugendliche in Deutschland leiden unter Allergien oder
Asthma. Viele von ihnen sind derzeit auf der Suche nach einer
Lehrstelle für den Herbst. Angesichts der wirtschaftlichen
Situation in Deutschland ist es nicht leicht, überhaupt einen
Ausbildungsplatz zu finden. Doch allergiekranke Jugendliche
stehen vor einem zusätzlichen Problem. Ihnen kann der Zugang
zu ihrem Traumberuf verwehrt werden oder sie müssen eine
bereits begonnene Ausbildung wegen einer Allergie abbrechen.
Ein Asthmatiker hat beispielsweise in den meisten Bundesländern
wenig Chancen, Polizist zu werden. Wer so ehrlich ist, auf dem
Bewerbungsbogen Asthma oder auch „nur“ Heuschnupfen
anzugeben, muss mit folgender Ablehnung rechnen: „...nach
den Richtlinien für die gesundheitliche Eignung schließen
allergische Erkrankungen, insbesondere chronischer Art, die
wiederholte Dienstunfähigkeit oder eine vorzeitige
Leistungsminderung befürchten lassen, die Dienstfähigkeit
aus...“. Nicht viel besser ergeht es der Schulabgängerin,
die sich mit viel Mühen einen Ausbildungsplatz im
Friseurhandwerk erkämpft hat, um dann festzustellen, dass sie
auf die in ihrem Berufsumfeld verwendeten Substanzen
allergisch reagiert. Sie hat nicht nur viel Zeit verloren,
sondern muss sich wieder in die Schlange der jungen Menschen
einreihen, die einen Ausbildungsplatz suchen.
Etwa
30.000 Jugendliche pro Jahr müssen ihre Berufsausbildung aus
Gesundheitsgründen abbrechen. Diese Zahl hat sich von 1985
bis 1997 verdoppelt. Ausbildungsabbrüche betreffen vorwiegend
Berufe wie Bäcker, Konditor, Maler, Friseur, Metallarbeiter,
Florist oder Schreiner. Berufe also, in denen man mit einer
ganzen Reihe von kritischen Allergenen in Kontakt kommen kann.
Sowohl die Anzahl der Ausbildungsabbrüche wegen
gesundheitlicher Probleme als auch die mit einer hohen
Dunkelziffer versehenen Fälle, in denen der Traumberuf erst
gar nicht ausgeübt werden durfte, stellen ein
gesundheitspolitisches und soziales Problem dar. Bei einer
Untersuchung der Häufigkeit und Schwere von Haut- und
Atemwegsbeschwerden bei Jugendlichen in Münster wurde im
Zeitraum von 1995 bis 2000 ein relativer Anstieg asthmatischer
Atembeschwerden von 24 Prozent ermittelt. Bei Kindern im Alter
von sechs bis sieben Jahren wurde in der gleichen Studie
bereits ein Anstieg von 33 Prozent festgestellt. „Angesichts
dieser Zeitbombe ist es völlig unverständlich, dass die
allergologische Beratung von Jugendlichen vor der Berufswahl
nicht überall Pflicht ist“, so Professor Dr. Thomas Fuchs,
Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA).
In dem gemeinsam vorgelegten „Dresdner Manifest“ zur
Verbesserung der Situation allergiekranker Menschen fordern
deutsche Allergieverbände außerdem Vorsorgeuntersuchungen in
Kindergärten und Schulen zur Früherkennung von Allergien als
Grundlage für eine rechtzeitige Behandlung.
Eine
rechtzeitige Diagnose und die fachärztliche Behandlung mit
einer effektiven Therapie könnte allergiekranken Jugendlichen
ihren Traumberuf auch in Branchen mit Allergierisiko ermöglichen.
So hat die spezifische Immuntherapie (Allergie-Impfung) mit
standardisierten Allergen-Präparaten eine Erfolgsquote von über
90 Prozent und wirkt außerdem vorbeugend. Die Therapie kann
die Entstehung zusätzlicher Allergien verhindern und das
Risiko für Asthma senken. Nach erfolgreicher Allergie-Impfung
besteht beispielsweise eine gute Chance, den gewünschten
Beruf Gärtner erlernen zu können. Auch der Jugendliche,
dessen Traumberuf Polizist ist, sollte nicht gleich die Flinte
ins Korn werfen. Entweder hilft auch hier die Immuntherapie
oder er kann so gut medikamentös eingestellt werden, dass
seine Leistungsfähigkeit mit anderen Polizeianwärtern
vergleichbar ist. Viele Olympiasieger und Weltrekordler,
beispielsweise die Hamburger Schwimmerin Sandra Völker, sind
Asthmatiker. Es ist also auch wichtig, zugunsten der
Jugendlichen Urteile und Vorurteile bei Arbeitgebern und
medizinischen Diensten abzubauen.
Wenn
für die Jugendlichen die Berufswahl nicht zum Trauma werden
soll, ist die rechtzeitige und individuelle Beratung durch
einen allergologisch ausgebildeten Facharzt sehr wichtig. Für
die Schulabgänger mit einer allergischen Vorgeschichte ist
dies unverzichtbar.
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