Auch
Oma und Opa sind nicht vor Allergien gefeit
Die
Häufigkeit von Allergien bei älteren Bundesbürgern ist bis
heute nicht gut dokumentiert. Der Trend zeigt jedoch nach
oben: Geschätzte 20 Prozent der Menschen im Alter von 45 bis
79 Jahren leiden mittlerweile unter einer Allergie.1,2
„Die Möglichkeit, auch im höheren Alter zum ersten Mal an
einer Allergie zu erkranken, unterschätzen viele Menschen“,
warnt Norbert Mülleneisen vom Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA). „Früher war man der Ansicht, dass
Neusensibilisierungen nur bei Kindern, Jugendlichen und jungen
Erwachsenen auftreten. Diese Regel kann heute so nicht mehr
gehalten werden.“
In
der eigenen Allergologie-Praxis stellt der Leverkusener Mülleneisen
jedes Jahr neue allergische Erkrankungen auch bei seinen älteren
Patienten fest. Eine seiner Patientinnen hatte im Alter von 66
Jahren erstmals Symptome eines allergischen Schnupfens. Im Frühling
2004 suchte ihn die ältere Dame mit Niesanfällen, Fließschnupfen
und Augenjucken auf. Der erfahrene Allergologe Mülleneisen
diagnostizierte bei der dann 77-jährigen
Heuschnupfen-Patientin eine Allergie gegen Birken-, Erlen- und
Haselpollen.
Immuntherapie
kann auch Senioren helfen
Eine
spezifische Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung genannt,
ist bisher die einzige ursächliche Behandlungsmöglichkeit
eines allergischen Schnupfens. Sie gewöhnt das überempfindlich
reagierende Immunsystem wieder an den Allergieauslöser.
Dadurch kommt es bei erneutem Allergenkontakt zu deutlich
weniger Beschwerden. Im besten Falle wird die Allergie sogar
geheilt. „Helfen Medikamente wie Antihistamin-Tabletten und
Kortison-Nasensprays nicht, die Symptome der Allergie zu
lindern, sollten Betroffene spätestens dann zusammen mit
ihrem Arzt eine spezifische Immuntherapie in Erwägung
ziehen“, empfiehlt Professor Thomas Fuchs vom ÄDA. Bei
jungen Menschen sei die Wirksamkeit und Sicherheit der
Therapie durch mehrere Studien gut belegt. „Aber auch bei Älteren
spricht prinzipiell nichts gegen die Durchführung einer
Immuntherapie. Wichtig ist eine eindeutige Diagnose der
allergischen Erkrankung“, sagt der Göttinger Allergologe
Fuchs. Abzuraten sei von der spezifischen Immuntherapie bei
einigen Grunderkrankungen, sowie bei Herz-, Krebs- oder
Autoimmunerkrankungen.
Der
Leverkusener Allergologe Mülleneisen setzte die spezifische
Immuntherapie bei Älteren schon häufiger erfolgreich ein.
Bereits 1993 erhielt seine Heuschnupfen-Patientin – zwei
Jahre nach den ersten Symptomen – eine Immuntherapie. Das
Niesen und Augenjucken blieben daraufhin aus. Elf Jahre später
traten erneut Anzeichen eines allergischen Schnupfens auf. Da
die ältere Dame ansonsten gesund war und Mülleneisen die
Allergieauslöser sicher feststellen konnte, entschied der
Allergologe 2004, eine weitere Immuntherapie über drei Jahre
durchzuführen. Die heute 80-Jährige ist nun wieder
symptomfrei und atmet durch.
Die
spezifische Immuntherapie kann nicht nur bei einem
Heuschnupfen wirksam sein. Mülleneisen behandelte
beispielsweise auch eine 78-jährige Wespenallergikerin mit
einer Immuntherapie. Grund hierfür war eine sehr schwere,
lebensgefährliche allergische Reaktion nach einem
Wespenstich. „Eine spezifische Immuntherapie kann Senioren
das Leben retten. Deshalb sollten auch ältere Menschen bei
Verdacht auf eine Allergie, einen allergologisch tätigen
Facharzt aufsuchen“, rät Mülleneisen vom ÄDA
1.
Hermann-Kunz E: Incidence of allergic diseases in East
and West Germany. Gesundheitswesen 1999;61:S100-5.
2.
Hermann-Kunz E, Thierfelder W: Allergische Rhinitis und
Sensiblisierungsraten – Nimmt die Prävalenz wirklich zu?
Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung –
Gesundheitsschutz. Springer Berlin/Heidelberg
2001;44(7):643-653.
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